Pushed to the Edge

  Michael Krisch
vor etwa einem Jahr

Ich habe gerade Derren Brown’s „Pushed to the Edge“ gesehen und bin fassungs­los. Obwohl ich nur stiller Betrachter bin, musste ich selbst einen verdammt harten Treffer einstecken.

Derren Brown ist einer der brillantes­ten Köpfe, die es im Show­geschäft gibt. Seit über 15 Jahren kombiniert er Zauberei, psycho­logische Beeinflus­sung und Schau­spiel­kunst auf einem so hohen Niveau, dass er sich damit eine eigene Kategorie geschaffen hat. Es gibt kaum einen Gedanken­künstler, der nicht durch den „Derren-Touch“ beeinflusst wurde. Mich einge­schlossen. Mal entlarvt er spirituelle Wunder­heiler als Betrüger, mal gelingt es ihm, eine Gruppe von Geschäfts­leuten so zu beein­flussen, dass diese einen bewaffneten Raub­überfall begehen.

Schon oft habe ich mir die Frage gestellt, wie es ihm gelingen kann, sich selbst zu toppen. Mit „Pushed to the Edge“ liefert Derren Brown die Antwort. Die Prämisse ist ebenso simpel wie grausam: Ist es möglich, eine Person so zu manipu­lieren, dass sie einen anderen Menschen absichtlich und bei vollem Bewusst­sein in den Tod stürzt?

Dieser perverse Gedanke transportiert eine Botschaft: Tagtäglich werden wir alle Opfer von sozialen Regeln, Gruppen­druck oder dem Einfluss charis­matischer Autori­täten. In den meisten Fällen unbewusst. Unreflek­tiert über­nehmen wir Meinungen, Ideologien oder Prinzipien und stellen persönliche Werte und Empfin­dungen in den Hintergrund.

Wir glauben der Werbung, dass bestimmte Produkte gut für uns sind, vertrauen Politikern, dass ihre Aussagen der Wahrheit entsprechen oder ziehen im krassesten Fall sogar in Kriege. Wir sind eigentlich gar nicht so frei in unserem Denken und Handeln, wie wir es uns selbst oft einreden.

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Pushed to the Edge: Kandidatin Laura wird gleich einen Mann in den Tod stürzen

Derren Brown legt den Finger in die Wunde, oder vielmehr seine ganze Hand. Es soll sich schließlich nicht schön anfühlen, sondern brennen, schmerzen und aufrütteln. Zu Beginn sind die zu treffenden Entschei­dungen noch relativ harmlos: Soll der Teil­nehmer (oder das Opfer?) kleine Häppchen als vegetarisch deklarieren, obwohl diese es gar nicht sind? Doch die Anforder­ungen steigen schnell. Man kann sich einfach nicht abwenden, leidet mit dem Teilnehmer und fragt sich selbst, wie man in einer vergleich­baren Situation gehandelt hätte. Gut so, denn das schafft „Unter­haltungs­fern­sehen“ einfach viel zu selten!

Spannung, Dramatik, Komik stimmen in dieser Insze­nierung perfekt überein. Über mehre Monate wurden geeignete Kandi­daten gesucht und die Story über die fiktive Hilfs­organisation „Push“ ausgetüftelt. Selbst prominente Personen wie z.B. Robbie Wiliams oder Martin Freeman wurden in das Skript integriert. „Hier wurde TV-Geschichte geschrieben“, ist in diesem Fall keine leere Floskel und sollte ich irgendwann einmal einen TV-Preis vergeben dürfen, „Pushed to the Edge“ würde ihn erhalten.

Danke, Derren, für einen harten Schlag in die Magen­grube, der aufrüttelt, zum Nachdenken zwingt und bewusst macht, wie wichtig es ist, die Dinge, die um uns herum geschehen, selbst zu reflektieren, anstatt sie ungeprüft zu akzeptieren.