Ein Filmabend mit Fritz Wolf

  Michael Krisch
about 1 year ago in Conversations

Fritz Wolf ist Fernseh­kritiker und lang­jähriges Mitglied in den Jurys des Grimme­preises. Unter „Wolf sieht fern“ führt er ein Web­tagebuch für Freunde des dokumen­tarischen Films. Hier verweist er wöchentlich auf interessante Dokumentar­filme und liefert Hinter­grund­informa­tionen. In privater Runde führt er einem interes­sierten Publikum monatlich ausgewählte Doku­mentar­filme vor. Michael Krisch hat Fritz Wolf bei einem seiner Film­abende getroffen, um mit Ihm über Doku­mentar­filme, Theater und Einschlaf­lieder zu sprechen.

Michael Krisch: Ich habe Rotwein und Chips mitgebracht, bin ich gut vorbereitet?

Fritz Wolf: Ja! Das hat hier inzwischen Tradition. Bei meinen Film­abenden habe ich am liebsten Freunde zu Besuch, von denen ich denke, dass sie von dem Film, den ich ausgewählt habe, angesprochen werden. Übrigens: keiner von ihnen befasst sich beruflich mit Film oder Fernsehen.

MK: Was schauen wir uns denn an?

FW: Einen Film, der hinter die Fassade schaut. Es geht um Jerry Lewis. Einen Komiker, der in den 60er, 70er und 80er Jahren seine großen Erfolge hatte. Vielleicht kennst Du seine Schreib­maschinen­nummer? Vor wenigen Tagen ist Jerry Lewis 90 geworden. Ehrlich gesagt konnte ich seine Art von Humor nie leiden. Das war mir immer zu lärmig. Aber der Regisseur Eric Friedler hat eine spannende Geschichte aufgetan: es geht um „The Day the Clown Cried“, einen Film, den Jerry Lewis Anfang der 70er Jahre gemacht hat und der wesentlich ernsthafter ist, als man es von einem solchen Brachial­komiker erwarten würde. Lewis spielt einen deutschen Clown, der sich mit den Nazis anlegt und schließlich in einem KZ landet. Dort trifft er auf Kinder und erleichtert ihnen das Leben, in dem er für sie seine Späße treibt. Am Ende geht er mit ihnen in den Tod.

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Jerry Lewis bei den Dreharbeiten zu „The Day The Clown Cried“. Quelle: daserste.de

MK: Das erinnert mich an den Film „Das Leben ist schön“.

FW: Die Idee ist sehr ähnlich. Lewis selbst spricht über „Das Leben ist schön“ mit höchstem Respekt, aber auch mit Ärger, weil er sagt, dass seine Idee geklaut wurde. Aber nicht nur die Story ist tragisch. Bei der Produkt­ion ist damals einiges schief gelaufen und der Produzent des Films hat vieles in den Sand gesetzt. Außerdem hat Lewis große Probleme mit seiner Rolle als Clown, die in dem Film eher traurig und ernst ist. Selbst Lewis findet sich nicht komisch. Darüber reflektiert er. In Friedlers Doku­mentar­film geht es deshalb auch um das Scheitern eines Künstlers, der in Klischees gefangen ist.

MK: Du schreibst, dass sich die Auswahl der Filme, die Du auf Deinem Blog besprichst, nicht nach „Primetime“ oder der Quote richtet. Nur nach der Qualität. Was macht einen Doku­mentar­film für Dich empfehlens­wert?

FW: Ich hätte nichts dagegen, wenn Doku­mentar­filme zur „Primetime“ laufen würden. Aber sie tun es eben nicht. Doku­mentar­filme sind Minder­heiten­programme. Das ist auch einer der Haup­tgründe, weshalb sie programm­technisch so schlecht platziert sind. Mein Kriterium ist aber nicht, was die meisten Leute schauen, sondern wo die interessan­testen Geschichten, Erzählungen und Menschen zu finden sind. Ich frage mich, welche Erfahrungen man mit einem Film machen kann.

MK: Hast Du dafür ein Beispiel?

FW: Vor einiger Zeit haben wir einen Film über Einschlaf­lieder geschaut. Es ging darum, welche Erinnerungen Menschen daran haben, was ihre Eltern ihnen zur Nacht vorgesungen haben und wie das ihr Leben geprägt hat. Das ist natürlich ein sehr spezielles Thema. Einer meiner Gäste ist Chemie­professor. Er ist eigentlich bei fast jedem meiner Film­abende dabei. Sein Kommentar nach dem Film war: „Ich wusste gar nicht, dass es so viele verschie­dene Menschen gibt.“ Für ihn war das eine echte Bereicherung. Das hat mir eine Vorstellung davon gegeben, was Doku­mentar­film leisten kann. Der Doku­mentar­film ist so breit, dass er Menschen anrührt, weil sie hier etwas begegnen, was sie in ihrer Realität möglicher­weise noch nie gesehen haben. Und damit ist der Doku­mentar­film im Ganzen eine Bereicherung unserer Welt­kenntnis.

MK: Haben wir im Augenblick nicht den perfekten Zustand für den Doku­mentar­film, weil es einfach immer mehr Menschen gibt, die keine Lust mehr auf Trash-TV haben?

FW: Ich würde es mir wünschen. Die Geschichte des Doku­mentar­films zeigt, dass er in sozialen Krisen­zeiten immer wieder einen besonderen Auf­schwung erlebt. Ähnlich wie die journalis­tische Reportage. In diesen Zeiten entsteht das Bedürfnis, hinter die Dinge zu blicken und genauer hinzuschauen, was um uns herum passiert. Eine wichtige Eigen­schaft des Doku­mentar­films ist, dass er Ereignisse über längere Zeiträume über­blicken kann. Im Doku­mentar­film „Agorá“ wird zum Beispiel die Euro­krise aus griechisch­er Sicht über einen Zeit­raum von mehr als vier Jahren dargestellt.

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Szene aus „Agorá - from Democracy to the Market“, von Yorgos Avgeropoulos, Griechenland, 2014. Quelle: agorathedoc.com

Aber das ist schwerer Stoff, den sich nur wenige nach einem Arbeitstag ansehen. Doku­mentar­film ist nicht auf Zerstreuung sondern auf Konzen­tration ausgelegt. Zwischen­durch zum Kühl­schrank oder auf Toilette, das ist beim Doku­mentar­film nicht möglich, da sonst eine Verständnis­lücke entsteht. Deshalb macht er im Fernsehen auch oft eine unglückliche Figur: wenn wir einer Story nicht folgen können, zappen wir weiter.

MK: Das klingt nach einem Dilemma.

FW: Deswegen versuche ich auch in die Richtung zu arbeiten, andere Möglichkeiten zu suchen, einen Doku­mentar­film aufzunehmen. Im Kino ist der Zuschauer zum Beispiel wesentlich konzentrierter, weil er im Dunklen sitzt und auf eine helle Fläche schaut, während man sich beim Fernsehen leicht von dem ablenken lässt, was drum herum noch passiert. Auch unsere Filmeabende sind ein Versuch, dazu anzuregen, Doku­mentar­filme als besonderes Ereignis aufzu­nehmen. Es gibt einen festen Termin und wir schauen in einer Gruppe. Das ändert die Sehhaltung. Man stellt sich darauf ein und ist konzen­trierter.

MK: Welche Perspektiven haben Doku­mentar­filmer heute?

FW: Schwierige Frage. Man wird damit nicht reich und der persönliche Erfolg ist sehr eingeschränkt. Gleichzeitig ist der Doku­mentar­film nicht totzukriegen, obwohl das schon mehrfach prophezeit wurde. Die Branche warnt Absolventen von Film­hoch­schulen seit Jahren davor, Doku­mentar­filme zu produzieren, weil sie damit nicht über die Runden kommen. Und trotzdem kommen jedes Jahr wieder viele junge Doku­mentaristen von den Film­hoch­schulen. Das liegt an unserem Interesse an der Realität und dem Wunsch, Realität zu begreifen und zu gestalten. Diesen Drang wird man niemals abstellen können. Zudem sind die Produktions­mittel billiger geworden. Einige Doku­mentar­filme entstehen komplett auf dem Smartphone. Einen Doku­mentar­film zu produzieren ist allerdings nicht einfach und bedeutet mehr, als nur eine Kamera in die Luft zu halten. Denn trotz günstigerer Produktions­mittel sind die Ansprüche an den Doku­mentar­film deutlich gestiegen. Mit schwarz-weißen Wackel­bildern erreicht man heute keine Zuschauer mehr. Zudem ist es ist schwer, Geld für die Produktion aufzutreiben und diese zu organisieren. Doku­mentar­film ist kein schnelles Genre und benötigt Zeit. In den letzten Jahren gibt es daher verstärkte Tendenzen zum Künstler­doku­mentar­film. Ein Film über eine Person wie Joseph Beuys, Gerhardt Richter oder Eva Hesse lässt sich international besser verkaufen als zum Beispiel das Thema Pegida. Es macht mir daher Sorgen, dass politische und soziale Themen zukünftig stärker wegrutschen.

MK: Wie ist Dein Interesse für den Doku­mentar­film entstanden?

FW: Ich habe mich immer sehr für Politik und gesellschaft­liche Entwick­lungen interessiert. Fernsehen gibt ja Auskünfte. Was sagt uns der Tatort? Was kann ich aus der Entwicklung von Comedians auf die Gesellschaft schließen? Mich haben aber weniger diese übersetzten Themen interessiert, mehr die journalis­tische, die politische Seite. Abgesehen davon mag ich Doku­mentar­filmer. In den meisten Fällen sind sie solidarischer und netter als Journalisten oder andere Filmemacher.

MK: Erzähl mir von Deinem Blog „WolfSiehtFern“.

FW: Die Medien­landschaft hat sich verändert. Sie ist vielfältiger, aber auch komplexer geworden. Inzwischen haben wir so viel Auswahl, dass wir eigentlich nicht mehr in der Lage sind, auszuwählen. Speziell beim Doku­mentar­film gibt es immer noch viele Filme, aber verstreut, oft spät nachts. Wir wissen häufig gar nicht, wo man sie sehen kann. Diese Kompetenz habe ich mir erarbeitet. Also zu wissen, wann welcher Film läuft, wer die interessan­ten Autoren sind und wer die interes­santen Geschichten erzählt. Darüber schreibe ich auf „WolfSiehtFern“.

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Fritz Wolf, Medienkritiker, Blogger und Grimme-Preis Juror

MK: Wie wird man Medienkritiker?

FW: Ich habe früher am Theater gearbeitet. Allerdings wollte das Theater nicht so wie ich wollte. Ich habe dem Theater deshalb beleidigt den Rücken zugekehrt und mich dem Journalis­mus verschrieben. Damals habe ich in der Redaktion einer linken Wochen­zeitung angefangen und der Chef­redakteur wollte eine Medienseite. Ich war damit verant­wortlich für die erste Medien­seite, die es in der bundes­deutschen Presse­landschaft gab. Als Kultur­redakteur habe ich zwar nicht über Theater geschrieben, weil ich noch beleidigt war, aber über Literatur schon, weil ich das studiert habe. Die Medien­seite habe ich etwa zehn Jahre lang gemacht und so wird man allmählich zum Medienkritiker.

MK: Steht man als Kritiker selbst auch oft in der Kritik?

FW: Ich hoffe, ich gehöre zu den Kritikern, die sich nicht leicht damit tun, einen Film zu verreissen. Dafür habe ich zu großen Respekt vor der Arbeit der Autoren und den Autoren selbst. Wenn ich kritisiere, versuche ich deshalb zu argumen­tieren, warum ich etwas für nicht geglückt halte. Einmal hat sich deswegen aber tatsächlich jemand bei mir beschwert, weil er sich zu Unrecht kritisiert fühlte. Ich habe ihm zurück­geschrieben und wieder begründet und argumentiert. Seine Rück­meldung darauf war: „Okay, ich lege mich nie wieder mit einem Kritiker an!“.

MK: Hast Du Dich inzwischen wieder mit dem Theater versöhnt?

FW: Ja, so halbwegs. Ich habe einige Zeit Puppen­theater für meine Kinder gespielt. Für einen Augenblick habe ich sogar überlegt, ob ich Puppen­theater­spieler werden soll. Aber das ist ökonomisch noch schwieriger als andere Berufe auf dem Gebiet. Deshalb bin ich Journalist geblieben. Aber ich gehe wieder ab und zu ins Theater. Lieber in die Oper. Und noch lieber ins Kino.

MK: Oder in den Jazz-Club?

FW: Ich musiziere tatsächlich gerne und spiele einige Instrumente. Aber das ist nur ein Hobby für mich. Jazz hat allerdings sehr viel mit dem Doku­mentar­film gemeinsam. Vor einiger Zeit habe ich eine Film­szene gelesen, in der ein Jazz-Musiker einem Schlager-Sänger zuhört und dann verwundert sagt: „Wir spielen alle Noten!“ Rhythmen­wechsel, freie Improvi­sationen, Disharmo­nien. Das alles gibt es auch im Doku­mentar­film. Wie der Jazz viele Musik­richtungen vereint, vereint der Doku­mentar­film viele Elemente. Und genau das macht ihn so spannend für mich.