Der souveräne Gestalter: Ein Gespräch mit Christian Jendreiko

  Albert Naasner
6 months ago in Conversations

Christian Jendreiko ist experimenteller Gestalter, Teil der Künstlergruppe „hobbypopMUSEUM“ und hat von Friedrich Kittler das „Denken gelernt“. Er unterrichtet angehende Designer, z. B. an der HSD, und versucht sie zu „souveränen Gestaltern“ aus­zubilden. Wie und warum, darüber hat Christian Jendreiko mit Albert Naasner in der Werkstatt­Werkstatt gesprochen.

Albert Naasner: Obwohl ich selbst bei Dir im Seminar gewesen bin und das wissen sollte: Was willst du erreichen, wenn Du Design unterrichtest?

Christian Jendreiko: Dass der Gestalter ein souveräner Gestalter ist.

AN: Was meinst Du damit?

CJ: Damit meine ich: Wenn ich zum Beispiel ein Plakat gestalte, einen Stuhl, ein Bild male, eine Karosserie entwerfe oder einen Algorithmus programmiere, immer kommt es darauf an, dass ich mir darüber im Klaren bin, dass ich nicht nur einen Gegenstand gestalte, sondern auch die Gestaltung der Gestaltung. Und ein Gestalter, der die eigene Ge­staltung gestalten kann, der ist für mich der souveräne Gestalter. Der gestaltet dann nicht nur das Plakat. Er weiß auch, dass er das Plakat mit einer bestimmten Methode gestaltet hat. Und dass diese Methode nur eine Möglichkeit unter hundert anderen ist, so ein Plakat zu entwerfen.

AN: Aber diese Möglichkeit muss bewusst ausgewählt werden…

CJ: Das ist der springende Punkt!

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AN: Wie sieht das denn aus, wenn ein Gestalter nicht souverän ist?

CJ: Das läßt sich ganz gut an Pop-Musikern beobachten: Wenn sie jung sind, machen sie intuitiv alles richtig, nach einer Weile aber sind sie ausgebrannt. Dann fällt denen nichts mehr ein. Das gestalterische Repertoire, das ihnen zur Verfügung stand, ist verbraucht und sie stecken fest, weil sie keine Möglichkeit haben, es weiterzuentwickeln. Weil die meisten von ihnen die Gestaltung der Gestaltung nicht beherrschen. Dann beginnt die große Tragödie. Alkohol, Drogen, Absturz.

Um das auf Designer zu beziehen: Du hast einen Katalog an Ordnungen. Diese Ordnungen kennst du, diese Ordnungen kannst du anwenden. Eine Ordnung kann sein: Einen Text rechtsbündig setzen. Du beherrschst die Werkzeuge, mit denen du diese Ordnungen umsetzt. Aber wenn du nicht in der Lage bist, neue Ordnungen zu erfinden, oder bestehende Ordnungen zu modifizieren, dann hast Du schlechte Karten. Das ist eine der ganz wichti­gen gestalter­ischen Fähigkeiten: Eine bestehende Ordnung zu verstehen und sie modifizieren zu können. Und das ist eben das, was in der Jugend ganz vielen intuitiv richtig gelingt, ohne dass sie wissen, wie sie dazu kommen. Der steinige Weg besteht darin, dass ich mir darüber klar werde, wie ich etwas mache. Also souverän zu werden. Die Rolling Stones sind dafür ein gutes Beispiel. Sie sind souveräne Gestalter ihrer Gestaltung.

AN: Ich habe bei mir das Gefühl, dass ich mich seit dem 16. Lebensjahr nicht mehr sehr verändert habe, was meine Persönlichkeit angeht…

CJ: Also von 16 bis heute?

AN: …ja, da war ich schon ungefähr der, der ich jetzt bin. Es gibt ein paar andere Sicht­weisen, aber so ganz grundlegende Verhaltens­weisen sind alle gleich. Und als ich die ersten Male als junger Gestalter Verantwortung für Projekte hatte, habe ich immer versucht, nicht als „der sechzehnjährige“ entlarvt zu werden.

CJ: Und dann stehst du plötzlich einem Kunden gegenüber…

AN: Genau. Und die erste Überlegung ist dann: „Kann ich das anziehen, was ich anziehen wollte?“ Plötzlich sind solche Fragen Teil des Gestaltungs­prozesses. Wenn man dann noch nicht souverän genug ist, klappt es nicht. Dann ist der Start versaut.

Was waren eigentlich deine Anfänge? Warst Du nicht sogar mal in der Werbung?

CJ: Ich war in den 90ern Texter und Konzeptioner bei Ogilvy in Düsseldorf. Das war eine tolle Zeit. 1994 habe ich den Abschluss gemacht and der „Ruhr Uni“ Bochum. Dann war ich ein Jahr in London. Danach war ich pleite. Vorher ging es mir finanziell ganz gut, weil ich am Theater gearbeitet habe. Erst als Hospitant, dann als Regieassistent, dann in der Regie. Da habe ich viel gelernt über die Idee des Gesamtkunstwerks, die mich eigentlich mein ganzes Studium begleitet hat. Also die Idee der Verbindung der verschiedenen Künste miteinander. Und eigentlich fasziniert mich diese Idee, seit ich 16 bin.

AN: Ach guckmal…

CJ: Ja, ich glaube die Jahre zwischen 12 und 16 sind entscheidende Jahre. Was einen mit 12 erwischt, das bleibt bei einem. Und mit 16, 17 ist man, glaube ich, zum ersten mal in der Lage, einigermaßen selbst­bestimmt etwas zu entscheiden. Also zum Beispiel zu sagen: „Ich tue mich jetzt mit ein paar Leuten zusammen und wir machen was.“ Alle Leute, mit denen ich zusammenarbeite, die hat es so mit 12 erwischt.

AN: Wann hast du diese Leute dann kennengelernt?

CJ: Eine Gruppe von Leuten, mit denen ich heute sehr eng zusammen arbeite, die gibt es seit 1985. Also seit wir 16 sind. Da gibt es Stefan Werni. Mit dem bilde ich heute das Duo „Werni-Jendreiko“. Und dann ist da Christoph Kemper. Der hat den „Virus“ Synthesizer entwickelt, ich glaube der meistverkaufte digitale Synthesizer der Welt. Und wir sind eben immer noch zusammen, hängen zusammen rum, probieren aus, entwickeln Ideen.

AN: Dann scheint das mit den 16 Jahren ja nicht so ungewöhnlich zu sein?

CJ: Was bei unserer Gruppe vielleicht besonders war: Wir haben damals alle schon sehr multimedial gedacht. Wir haben, ein bisschen größen­wahn­sinnig, damals noch mit Andreas Schute, in der 11. Klasse beschlossen: „Wir machen jetzt einen Film und der wird dann beim WDR gesendet.“ Und wir haben einen Film gedreht. Andreas Schute ist dann zum WDR gefahren und hat unten an der Pforte gesagt: „Ich möchte jemanden sprechen, wir haben einen super Film gemacht, der muss unbedingt gesendet werden.“ Und dann kam wirklich ein Redakteur runter und der Film wurde gesendet. Und die Idee, auf der das basiert, die Idee des Gesamt­kunstwerks – der Film als Gesamt­kunstwerk, oder die Bühne als Gesamt­kunstwerk – das ist eben mein Grund­interesse. Als Modell zumindest.

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Und dieses Modell gibt es ja auch in der Werbung. Da heißt es integrierte Kommunikation. Als ich 1995 bei Ogilvy & Mather anfing, ging es gerade los mit der Digitalisierung. In einer meiner ersten Wochen in der Agentur gab es da den ersten Internet-Anschluss. Das war die Sensation! Wir haben uns mit dem Konzept der integrierten Unter­nehmens­kommunikation beschäftigt. Die Idee des algorithmus­basierten Medien­verbund­systems: das fasziniert mich. Ich arbeite auch immer noch gern als Berater für Agenturen, wenn es um solche Fragen geht.

AN: Wie würdest Du Dich denn heute selbst bezeichnen? Künstler? Werber? Designer?

CJ: Ich sehe die freie und die angewandte Kunst nicht als getrennte Bereiche. Guck Dir die Fresken von Michelangelo in der Sixtinischen Kappelle an: Ist das jetzt freie oder angewandte Kunst? Mich interessiert vor allem die Gestaltung inter­medialer Prozesse und die finden sich in beiden Bereichen. Ich selber sehe mich als Gestalter, der gerne experimentiert.

AN: Also ist Gestaltung etwas universales?

CJ: Das ist eine der Grundfragen, mit denen ich mich befasse: Gibt es so etwas wie die allgemein­gültige, universale Formel, den Algorithmus des Gestaltens? Lässt sich eine Formel finden von der ich sagen kann: „Die kann ich auf Buch­gestaltung anwenden, nach der kann ich Musik machen, mit der kann ich einen Film drehen oder ein Bild malen“? Gibt es eine Grund­struktur, die jedem Gestaltungs­prozess gleichermaßen zugrunde liegt? Das ist ja eine uralte Frage, die sich schon die Griechen gestellt haben.

AN: Würdest Du dann sagen, man könnte den gleichen Unterricht, den du an der HSD gemacht hast, auch in der Kunstakademie durchführen?

CJ: Ja.

AN: Du selber warst ja nicht an der Kunstakademie…

CJ: Ich gehöre zur Künstler­gruppe „hobbypopMUSEUM“. Das sind fünf Leute von der Düsseldorfer Kunst­akademie – und ich. Als wir uns in den 90er Jahren gegründet haben, ging es gerade los, daß theo­retische Fragen – der sogenannte Diskurs – für Künstler besonders interessant wurden. Ich hatte bei Friedrich Kittler in Bochum studiert – also taten wir uns zusammen.

Als ich Ende der 80er Jahre anfing bei Kittler in Bochum zu studieren, war noch nicht abzusehen, daß er mal so ein Weltstar werden würde. Kittler war damals ein ganz junger Professor und Ich bin ganz unbedarft da hingegangen. Das Thema war „Richard Wagner – Gesamtkunstwerk“. Das war genau das, wonach ich gesucht hatte. Irgendwann habe ich ein Referat gehalten und danach hat Kittler mich gefragt, ob ich ins Ober­seminar kommen möchte. In diesem Oberseminar waren wir zu fünft.

Ein Oberseminar ist ja eigentlich für Doktoranden gedacht. Ich war aber Erst­semester. Ich erzähle das alles, um Dir einen Hinter­grund zu geben, wie ich zu der heutigen Form meines Unterrichts gekommen bin. Im Grunde ist das nämlich die Form, die Friedrich Kittler damals im Ober­seminar hatte – Ich konnte ja inhaltlich als Ersts­emester mit den Doktoranden gar nicht mithalten. Er hat nur gesagt: „Ich finde es gut, wie offen Sie Fragen stellen. Also haben Sie keine Angst, Fragen zu stellen. Und bitte machen Sie das auch im Ober­seminar. Es ist wichtig, dass den Doktoranden Fragen gestellt werden!“

AN: Damit die ihre Inhalte testen können?

CJ: Genau. Und zwar an jemandem, der keine Ahnung hat, dem man alles erklären muss. Das ist natürlich sehr schlau. Und ich wusste auch, dass das meine Aufgabe war. Ich wurde also nicht instrumen­talisiert. Es wurde mit offenen Karten gespielt, was ich sehr schätze. In diesen Ober­seminaren habe ich das Denken gelernt. Dort gab es damals die klassische Idee der Akademie im Sinne von Platon. Man trifft sich, geht – eigentlich im Garten – spazieren und unterhält sich über die Fragen, die einen umtreiben. Durch diese Gespräche kommt eins zum anderen, man kommt zu Antworten, die dann weitere Fragen aufwerfen.

AN: Das ist das Problem mit den Antworten…

CJ: Richtig. Und genau so war die Atmosphäre bei Kittler. Das fand ich absolut genial. Ich habe mir damals schon gedacht: „Sollte ich jemals unterrichten, dann so.“ Jeder hat so seine Fragen, ich hab auch meine Fragen, und dann unterhält man sich und tauscht sich aus, geht gemeinsam bestimmten Ideen nach und guckt, wie weit man kommt und wohin das führt.

Das „Fragen stellen“ ist glaube ich auch der Zeit geschuldet. 1988 habe ich angefangen zu studieren. Da war 1968 gerade mal 20 Jahre her und es war als Student undenkbar, nicht diskutieren zu wollen. Das Studium bestand daraus, den Dozenten in Frage zu stellen, alles in Frage zu stellen. Genau auf der Ebene setzte man beim Kittler an – ohne dass es mir zu dem Zeitpunkt klar gewesen wäre. Und das war immer am Donnerstagnachmittag.

Das andere wichtige Seminar für mich war das von Hermann Josef Pottmeyer. Der war Fundamental­theologe. Er hatte gerade das „Handbuch der Fundamental­theologie“ herausgegeben, heute ein Standard­werk, war Berater der deutschen Bischofs­konferenz und gelegentlich in Rom, um mit dem Papst über Probleme zu diskutieren. Pottmeyer kam ins Seminar und sagte: „Ich soll sie ganz herzlich vom heiligen Vater grüßen.“

Bei ihm hat sich meine Sichtweise stark verändert. Als junger Student war ich natürlich der katho­lischen Amtskirche gegenüber absolut kritisch eingestellt. Als unseren größten Gegner empfan­den wir damals den sogenannten Panzer­kardinal Josef Ratzinger, Chef der Glaubenskongregation. Total angesagt dagegen war zu der Zeit die „Theologie der Befreiung“ aus Lateinamerika. Deren Vertreter, wie Leonardo Boff, waren gerade vom Papst Johannes Paul II scharf kritisiert und auch hart bestraft worden. Da gab es Lehr­befugnis­entziehungen und sowas. Es gibt diese Szene, wie JPII aus einem Flugzeug steigt und Leonardo Boff, oder Ernesto Cardinal war das glaube ich, fällt vor dem Papst auf die Knie. Und der Papst hebt ihn dann aber nicht auf und sagt „Komm, ist in Ordnung“, sondern fängt an, ihn vor laufender Kamera zu beschimpfen.

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Papst Johannes Paul II sagt Ernesto Cardenal, bei seiner Ankunft 1983 in Managua, Nicaragua, die Meinung.
Quelle: www.catholicjournal.us

Diese ganzen Sachen prägten damals meinen Stand­punkt. Und bei Pottmeyer im Seminar stellte ich dann fest, dass ich einen ziemlich simplen Blick auf alles hatte. Er sagte zum Beispiel: „Passen sie auf, wir saßen mit dem Heiligen Vater zusammen und wir haben folgendes Problem…“. Dann hat er das Problem geschildert und uns gefragt: „Was sagen Sie dazu?“ So stellst du plötzlich fest, wie wahnsinnig komplex das alles ist, was es alles zu bedenken gibt und wie schwer es ist, Lösungen zu finden, die den Problemen wirklich gerecht werden.

Das war die zweite große Schule für mich. Und wenn ich unterrichte, versuche ich einen Mix aus den beiden, Kittler und Pottmeyer, hinzukriegen.

AN: Also wenn ich das mal zusammenfasse und abgleiche, mit dem was ich bei Dir im Unterricht erlebt habe, dann geht es einmal darum, überhaupt die Fähigkeit zu entwickeln, diese Fragen zu stellen. Und der zweite Punkt ist dann, sich der Komplexität von Problemen bewusst zu werden, in die man mit diesen Fragstellungen eintaucht. Diese zwei Sachen. Und das klappt doch ganz gut, finde ich.

CJ: Das freut mich! Wenn das passiert, ist das schon die halbe Miete!

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